Vorgefühlt: „Versetzung“. Wenn das eigene Leben zerfällt

Was ist Wahrheit, was ist Lüge? Was ist gesund, was ist krank? Was passiert, wenn ein Lehrer eine bipolare Störung hat und er in dieser Situation Schuldirektor werden soll? Was passiert, wenn sich die Welt, wie wir sie kennen, langsam in ihre Einzelteile auflöst? Vom Autor des Bestsellers „Die Welt im Rücken“.

Was ist Wahrheit, was ist Lüge? Was ist gesund, was ist krank? Wo liegt die Norm – und wie viel Anderssein toleriert unsere Gesellschaft? Das sind die großen Fragen, die das Schauspiel „Versetzung“ stellt, das ab dem 7. September auf der Probebühne 4 zu sehen sein wird. Der Autor Thomas Melle erzählt darin vom Lehrer Ronald, der eine bipolare Störung hat, also manisch-depressiv ist – und davon, was passiert, als Kollegen, Schüler und Eltern das erfahren. Schauspieler Marcel Hoffmann und Chefdramaturgin Juliane Wulfgramm beschreiben, wie sie sich diesem nicht gerade einfachen Thema angenähert haben.

SCHÜTZ
Sie seien manisch-depressiv, heißt es.
RONALD
Es gab mal eine entsprechende Diagnose, ja.
SCHÜTZ
Ich kenne mich nicht aus. Erzählen Sie mir etwas über diese Krankheit. 
RONALD
Das ist zehn Jahre her. Seit zehn Jahren lebe ich völlig solide und verantwortlich, übe meinen Beruf aus, und zwar erfolgreich. Es war nur eine Phase.
FALCKENSTEIN
Eine Phase?
RONALD
Ja.
FALCKENSTEIN
Dann wäre es nicht manisch-depressiv. Da gibt es immer mehrere Schübe im Laufe des Lebens.

Die Kollegen wissen es eben ganz genau. Doch noch wirkt das Lithium. Als Ronald jedoch beruflich und privat zunehmend unter Druck gerät, beginnt seine Wahrnehmung, verrückt zu spielen – „und wir erleben, was diese Krankheit mit ihm macht“, erklärt Juliane Wulfgramm. Eine Krankheit, die einen Hacker-Angriff auf das eigene Ich vollzieht, die den Kern seiner Persönlichkeit verändert. Sein Gehirn fährt Achterbahn, alles scheint sich zu drehen.

Und das ist in dieser Inszenierung wörtlich gemeint: Die Berliner Regisseurin Jana Milena Polasek und ihr Bühnenbildner Peter Schickart haben ein rechteckiges Podium gebaut, das sich elliptisch kreisend durch den Raum bewegt. 500 lindgrüne Getränkekisten aus dem Großmarkt, übermannshoch darauf gestapelt, bilden eine surreale, partiell durchsichtige und -lässige Wandkonstruktion. 

Es ist ein dreidimensionales  Paradoxon: eine offene Festung. Aber gleichzeitig auch ein merkwürdiger Nicht-Ort. „Mein Schutzraum“, sagt Marcel Hoffmann, der den abdriftenden Lehrer spielt. „In den manchmal andere Menschen hineindürfen, manchmal aber auch nicht.“ Die Chefdramaturgin hingegen hat eine andere Assoziation: „Es könnte auch Ronalds Kopf sein“, sagt sie. Was natürlich zu der Frage führt: Das, was der Lehrer da erlebt, den zunehmenden Zerfall seiner Welt, seinen brutalen Absturz – ist das Realität oder Wahnvorstellung? 

RONALD
Wer andere herabsetzt, offenbart nur seine eigene, tief sitzende Schwäche. Und wenn wir uns eine Gesellschaft vorstellen, in der wir leben wollen, wünschen wir uns doch gleichberechtigte Individuen als deren Bewohner. Wir wollen der oder dem anderen auf Augenhöhe begegnen. Wir sollten für andere da sein, gerade dann, wenn sie Hilfe brauchen, wenn sie vielleicht sogar in Not sind. 

Eine hehre Ansicht. Die jedoch in unserer heutigen Welt zunehmend weniger Menschen teilen. „Zu Beginn des Stücks sehen wir einen sensiblen und hervorragenden Lehrer, mit großem Einfühlungsvermögen, der von Kollegen und Eltern uneingeschränkt akzeptiert wird“, erzählt Marcel Hoffmann. Doch das kippt, als sich die Situation für ihn verändert. Als größere Verantwortungen auf ihn zukommen: Er soll nicht nur aufsteigen zum Direktor, seine Frau hat sich auch – ohne ihn zu fragen – für eine Schwangerschaft entschieden. 

Führungsposition, Vaterschaft, Familie statt Paarbeziehung: Lauter neue Rollen, die auf Ronald warten. Die Unsicherheit mitbringen. So dass in ihm die Angst aufsteigt, er könne die Kontrolle über sein eigenes Leben verlieren. Was bewirkt, dass sich seine Krankheit nach langer Zeit wieder schubartig verstärkt. „Wir sehen Ronald dabei zu, wie er erneut in die Manie hineinrutscht, wie er langsam abgleitet“, sagt Hoffmann. 

Und sind genau da dann bei den Kernfragen des Stücks: Gäbe es eine Möglichkeit, einen Lehrer trotz seiner psychischen Krankheit im Schulalltag zu behalten? Wäre so jemand weiterhin tragbar? Wie weit ist unsere Gesellschaft in der Lage, auch Menschen, die jenseits unserer Norm funktionieren, in das Berufsleben zu integrieren? Ein Dilemma. Denn wäre es nicht vielleicht sogar fahrlässig, den Posten eines Schuldirektors mit einem psychisch kranken Menschen zu besetzen? 

RONALD
Ich habe Ihnen etwas verschwiegen, meine Damen und Herren. In meiner Studienzeit gab es eine Phase, in der ich mich verlor, oder in der ich etwas verlor, nämlich, vorübergehend, und ich muss es so deutlich sagen: meinen Verstand. Ich war außer mir für eine Zeit, dann nicht mehr aufzufinden, erst manisch, hieß das, dann depressiv. Die Diagnose lautete: bipolare Störung. Seit zehn Jahren hatte ich keine solche Phase mehr, und es ist höchst unwahrscheinlich, dass es je wieder zu einer solchen kommt.

Doch genau dieses Unwahrscheinliche passiert: Nach und nach erhält seine Realität einen doppelten Boden, für ihn fliegen auf einmal in schneller Abfolge sinnlose Wortdreher und bedeutungslose Halbsätze durch den Raum. Er hört – nun bereits wahnhaft und manisch – Sätze, die niemand gesagt hat: „Ronald ist jetzt drauf“ statt „Das nimmt jetzt seinen Lauf“. Alles redet von ihm, alles bezieht er auf sich.

Thomas Melle, der Autor des Stücks, weiß übrigens ganz genau, wovon er schreibt: In seinem Bestseller „Die Welt im Rücken“ hat der 44-Jährige vor drei Jahren mit äußerster Akribie und Drastik von seiner eigenen bipolaren Störung erzählt. Und seinen manischen Phasen. In denen er dachte, der Messias zu sein, am Berliner Kotti Sex mit Madonna zu haben und Picasso auf einer Technoparty Rotwein in den Schoß zu kippen.

Eine Ahnung davon, wie es dann in Melles – oder Ronalds – Kopf aussehen mag, bekommt, wer Marcel Hoffmann nun in Koblenz über die Szene irrlichtern sieht. Exaltiert, ekstatisch, völlig außer sich. Aber: „Ich spiele kein Krankheitsbild, sondern einen Zustand“, sagt er. Darauf legt er Wert. Denn: „Wir urteilen nicht. Wir be-urteilen nicht. Wir bieten keine Lösung an.“ Was will das Koblenzer Team denn dann? „Dass sich der Zuschauer am Ende fragen kann: Was haben die Schauspieler mir da eigentlich erzählen wollen?“

Text: Margot Weber
Fotos: Anja Merfeld

Vorgefühlt: „Drei neue Stücke“ – Ecken und Kanten

Die Dramatik lebt: Das Theater Koblenz zeigt drei Uraufführungen junger Dramatik. Bei deren Auswahl das Ensemble mitentscheiden durfte.

Viele Theater betreiben Autorenförderung: Sie vergeben Stückaufträge, schaffen Stellen für Hausautoren, legen Stipendienprogramme auf. Das Theater Koblenz geht einen anderen Weg und setzt direkt an der Ausbildung an: Studierende des Studiengangs Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin bekamen die Aufgabe, kurze Dramen zu verfassen, ohne thematische Einschränkung, aber mit der Auflage, dass nur wenige Darsteller eingesetzt werden und dass die Aufführungsdauer 45 Minuten nicht übersteigen sollte. Aus den eingesandten Stücken wurden drei ausgewählt: Die Familientragödie „Dumbo oder: Vielleicht einer der letzten schönen Tage des Jahres“ von Dorian Brunz, der Politthriller „Judit und Hannah“ von Peter Neugschwentner und Fabienne Dürs Krankenhausdrama „Leben im Vakuum“. Und damit nicht immer nur dieselben entscheiden, was gespielt wird, waren in der Jury neben Intendant und Chefdramaturgin auch drei Ensemblemitglieder vertreten: Raphaela Crossey, Jona Mues und Reinhard Riecke.

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Vorfreude auf die Spielzeit 2019/2020

Don Giovanni”, Der Kaukasische Kreidekreis”, Chicago”, Haus mit 14 Räumen”, Ein Schaf fürs Leben”, Arsen und Spitzenhäubchen”, „Für Elise”, „Pension Schöller”, Nabucco” und und und. Der Spielplan 2019/2020 beinhaltet ein wunderbares Potpourri an Theaterklassikern, modernen Stücken und Uraufführungen in allen Sparten. Vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Theaters Koblenz haben wir die Frage gestellt: Worauf freust du dich in der Spielzeit 2019/2020 am meisten?

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Vorgefühlt: „Albert Herring“ – Kinder auf der Opernbühne

In Benjamin Brittens Oper „Albert Herring“, die am Samstag, 11. Mai, Premiere feiert, ist es mal wieder so weit: Dann werden knapp ein Dutzend Mädchen und Jungen im Alter von zehn bis 13 Jahren auf der Bühne zu sehen und zu hören sein. Sie alle stammen aus der Singschule Koblenz, die seit vielen Jahren mit dem Theater zusammenarbeitet. Ihr Gründer und Leiter Manfred Faig hat uns mehr darüber erzählt.

Manfred Faig von der Singschule Koblenz
Foto: Singschule Koblenz
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Vorgefühlt: „Maß für Maß“. Was ist politisches Theater?

Es geht um Macht und Machtmissbrauch. Um Männer, die glauben, sich alles nehmen zu dürfen, und um Frauen, die sich dem verweigern. Shakespeare hat vor über 400 Jahren mit „Maß für Maß“ ein Stück geschrieben, dass sich bei näherer Betrachtung als ungemein heutig entpuppt. In einer Bearbeitung Stefan Wipplingers feiert es am Sonntag, 28. April, Premiere im Großen Haus. Regisseur Markus Dietze ist von dieser Aktualität fasziniert. Mit uns hat er darüber gesprochen, wie politisch dieses Schauspiel für ihn ist. Und wie man so etwas in unserer postdramatischen Zeit überhaupt noch inszenieren kann.

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